Es gibt Momente an der Rezeption, da liegt Verantwortung plötzlich auf dem Tresen.
Nicht offiziell. Nicht angekündigt. Einfach da.
Ein Gast steht vor mir. Etwas passt nicht ganz. Die Buchung an sich ist korrekt, das Zimmer vorbereitet. Und doch fehlt etwas. Ein Wunsch, der nicht vermerkt wurde. Eine Erwartung, die unterwegs entstanden ist. Vielleicht hat sich jemand im Datum geirrt. Vielleicht ist eine Information unterwegs verloren gegangen.
Der Gast schaut mich an. Noch ruhig. Aber mit dieser offenen Frage im Blick: Und jetzt?
Ich schaue in das System. Ich sehe schnell: Das ist eigentlich nicht meine Zuständigkeit.
Die Information hätte früher kommen müssen. Von der Firma. Von Bekannten. Von jemandem, der gebucht hat. Von einer Produktionsfirma, die den Wunsch nach einer Badewanne nicht weitergegeben hat.
Formal ist alles sauber. Menschlich ist es es noch nicht.
Verantwortung ist selten eindeutig
Oft wird Verantwortung so behandelt, als wäre sie klar verteilt. Organigramm. Stellenbeschreibung. Zuständigkeit.
Im Alltag fühlt es sich anders an.
Verantwortung taucht dort auf, wo etwas nicht gehalten wurde. Wo Informationen verloren gehen. Wo jemand sich im besten Wissen geirrt hat. Wo niemand „schuld“ ist – aber etwas offen bleibt.
Manchmal ist es Überforderung.
Manchmal Zeitdruck.
Manchmal einfach das Leben.
Und dann passiert etwas Leises: Jemand übernimmt.
Ich merke, wie sie zu mir rüberzieht
Während der Gast vor mir steht, verändert sich etwas in mir. Mein Körper geht einen Schritt nach vorn. Meine Aufmerksamkeit wird dichter. Ich höre mich sagen:
„Einen Moment, ich schaue, was ich für Sie tun kann.“
Ich weiß in diesem Moment noch nicht, wie sich das lösen lässt.
Ich weiß nur: Ich lasse es nicht liegen.
Später frage ich mich manchmal:
War das Verantwortung – oder Übernahme?
War es hilfreich – oder habe ich etwas ausgeglichen, das eigentlich woanders hätte geklärt werden müssen?
Ich habe darauf keine schnelle Antwort.
Die Ambivalenz bleibt
Es gibt Tage, da bin ich froh, Verantwortung übernommen zu haben. Der Gast ist erleichtert. Die Situation entspannt sich. Etwas kommt wieder in Fluss.
Und es gibt Tage, da spüre ich den Nachhall:
Ermüdung. Ein leiser Widerstand. Das Gefühl, wieder eingesprungen zu sein.
Dann frage ich mich:
Wo endet Antwortfähigkeit – und wo beginnt Selbstausbeutung?
Vielleicht ist das keine theoretische Frage, sondern eine sehr praktische.
Verantwortung verschiebt sich leise
Was mir auffällt: Verantwortung wird selten offen abgegeben. Sie verschiebt sich leise. Durch Ungenauigkeit. Durch Aufschub. Durch Nicht-Erreichbarkeit.
Und oft landet sie bei denen, die wahrnehmen. Die Spannung nicht gut aushalten. Die lieber etwas klären, als es offen zu lassen.
Solche Menschen gelten als zuverlässig.
Und manchmal tragen sie mehr, als sie eigentlich wollten.
Ein kleiner innerer Prüfstein
Ich versuche mir inzwischen in solchen Momenten eine einfache Frage zu stellen:
Übernehme ich das gerade aus Klarheit – oder aus Unruhe?
Nicht um richtig zu handeln.
Sondern um bewusst zu handeln.
Am Ende des Tresens
Der Gast bedankt sich. Die Situation ist gelöst. Der Raum wird wieder ruhig.
Ich stehe da und merke: Verantwortung ist kein fester Besitz. Sie ist beweglich. Sie entsteht im Kontakt – und sie verlangt immer wieder eine Entscheidung.
Nicht nur: Kann ich das klären?
Sondern auch: Will ich das jetzt tragen?
Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort.
Nicht beim Zuständigsein.
Sondern beim Innehalten.
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